Für uns Menschen ist es wichtig, Dinge benennen und einordnen zu können. Alles braucht einen Begriff, damit wir überhaupt darüber sprechen und unsere Erfahrungen und Gedanken miteinander teilen können. Aber was passiert, wenn ein Begriff plötzlich zu einem Etikett wird?
Worte stehen für unsere eigenen Erfahrungen, Erlebnisse und Vorstellungen. Was für den einen eine sachliche Beschreibung ist, kann sich für einen anderen bereits wie eine Bewertung oder sogar eine Abwertung anfühlen.
Worte sind so vielseitig wie die Emotionen, die sie transportieren. Doch genau das macht die menschliche Kommunikation so komplex. Deshalb ist es mir wichtig, genauer hinzuschauen, was wir eigentlich sagen, wenn wir bestimmte Begriffe in unsere Alltagsgespräche einfliessen lassen.
Wenn Worte zu Schubladen werden
Oft passiert es ungewollt, dass wir jemanden in eine Schublade stecken. Aus einem Menschen mit einer Depression wird schnell „der oder die Depressive“ oder aus einem Menschen mit einer körperlichen Behinderung sofort „der oder die Behinderte“.
Meist wird dabei vergessen, was solche Bezeichnungen für die betroffene Person bedeuten können. Diese Begriffe erzählen nur einen kleinen Teil der Geschichte eines Menschen. In der Person selbst steckt noch ganz viel mehr.
Für Betroffene kann das verletzend und abwertend wirken und im schlimmsten Fall sogar zu einer Ausgrenzung aus der Gesellschaft führen. Worte haben eine starke Wirkung. Wenn wir sie nicht behutsam einsetzen, können sie unser Gegenüber tief treffen und langfristig belasten.
In der Menschenwelt ist Stigmatisierung schon lange ein bekanntes Thema, und in gewissen Bereichen wird zunehmend darauf geachtet, wie wir miteinander umgehen. Wie aber ist es in der Hundewelt?
Was steckt hinter den Begriffen, die wir unseren Hunden zuschreiben?
Aggressiver Hund, reaktiver Hund, dominanter Hund, Angsthund, Problemhund, Leinenaggression, unverträglicher Hund, schwieriger Hund – die Liste der Begriffe, mit denen wir Hunde beschreiben, ist lang.
Viele dieser Begriffe können durchaus hilfreich sein, wenn wir damit ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Situation beschreiben. Auch in der Fachsprache brauchen wir Begriffe, um uns präzise austauschen zu können.
Problematisch wird es, wenn aus einer Beobachtung plötzlich eine feste Eigenschaft wird. Aus „Der Hund zeigt aggressives Verhalten“ wird plötzlich „aggressiver Hund“. Aus „Der Hund reagiert auf bestimmte Reize stark“ wird plötzlich ein „reaktiver Hund“.
Nicht der Begriff ist automatisch das Problem – sondern das, was wir daraus machen und die Bewertung, die wir diesem Begriff zuordnen.
Eine solche Zuschreibung von aussen muss deshalb noch lange nicht bedeuten, dass dieser Hund tatsächlich so ist. Wenn mein Hund beispielsweise einen Spaziergänger anbellt und dieser mir sagt, ich hätte einen aggressiven oder reaktiven Hund, muss ich diese Einschätzung nicht als Beschreibung meines Hundes übernehmen. Ich kann vielmehr hinsehen und mich fragen, was gerade passiert ist: Vielleicht fühlt sich mein Hund in dieser Situation unwohl und zeigt mir mit seinem Verhalten, dass ihm etwas zu viel ist.
Im Grunde weisst du ja: Ein einzelner Moment macht noch keinen Hund aus. Deshalb sollten wir auch Bewertungen von aussen nicht ungeprüft zu unserem eigenen Bild von unserem Hund machen.
Wenn Worte Zweifel hinterlassen
Für Besitzer, die immer wieder hören, ihr Hund sei aggressiv, reaktiv, schwierig oder unverträglich, können solche Aussagen mit der Zeit belastend werden. Was zunächst vielleicht nur eine einzelne Bemerkung war, hört man irgendwann immer wieder. Und irgendwann können solche Bewertungen am eigenen Selbstwert nagen oder Zweifel entstehen lassen: Sehe ich meinen Hund vielleicht falsch? Habe ich meinen Hund nicht im Griff? Mache ich etwas falsch?
Doch auch am anderen Ende der Leine steckt ein Individuum. Jemand, der seinen Hund kennt, mit ihm lebt, ihn begleitet und vielleicht jeden Tag daran arbeitet, gemeinsam Herausforderungen zu meistern – und dieses Wesen liebt, wie es ist.
Da ich solche Situationen aus meinem eigenen Alltag mit meinen Hunden kenne und weiss, wie es sich anfühlt, wenn ein Hund von aussen aufgrund eines einzelnen Moments beurteilt wird, ist es mir wichtig, beide Seiten zu verstehen: den Besitzer, der mit seinem Liebling vor einer Herausforderung steht, genauso wie seinen Vierbeiner, dessen Verhalten von aussen beurteilt und verurteilt wird.
Es macht einen Unterschied, ob jemand ein Verhalten beschreibt oder ob aus diesem Verhalten ein Urteil über den gesamten Hund wird – und manchmal wird dabei nicht nur der Hund beurteilt, sondern zugleich der Mensch, der mit ihm unterwegs ist.
Differenzierte Wortwahl für ein respektvolles Miteinander
Wir werden wahrscheinlich nie ganz darauf verzichten, Dinge zu benennen und einzuordnen – und das müssen wir auch nicht. Begriffe helfen uns, miteinander zu kommunizieren. Entscheidend ist vielmehr, wie bewusst und differenziert wir sie verwenden.
Ein Hund darf aggressives Verhalten zeigen, ohne deshalb ein aggressiver Hund zu sein. Ein Mensch darf mit einer Herausforderung leben, ohne dass diese Herausforderung ihn als Person definiert. Und genauso sollten wir auch die Bewertungen anderer nicht ungeprüft übernehmen, sondern uns immer wieder fragen, ob ein Begriff wirklich das beschreibt, was wir tatsächlich wissen.
Für mich bedeutet ein respektvolles Miteinander deshalb auch, genauer hinzuhören, bevor wir urteilen und verurteilen. Nicht nur beim Umgang mit unseren Hunden, sondern auch im Umgang miteinander.
Denn hinter jedem Begriff steht ein Individuum – mit seiner eigenen Geschichte, seinen Erfahrungen und seiner ganz persönlichen Wahrnehmung.
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